Vom Tonklumpen zur Lieblingstasse – so entsteht meine Keramik
Wenn du morgens deinen Kaffee aus einer handgemachten Tasse trinkst, siehst du wahrscheinlich zuerst die schöne Form, die Glasur oder die Farbe. Was man nicht sieht: Wie viele Arbeitsschritte nötig sind, bis aus einem einfachen Stück Ton eine fertige Tasse wird.
Viele sind überrascht, wenn sie erfahren, dass zwischen dem ersten Handgriff und der fertigen Keramik oft mehrere Wochen liegen. Heute nehme ich dich mit in meine Werkstatt und zeige dir, wie aus einem unscheinbaren Tonklumpen eine Tasse entsteht, die dich vielleicht viele Jahre begleitet.
Alles beginnt mit einem Stück Ton
Am Anfang steht tatsächlich nur ein Klumpen Ton.
Bevor ich mit dem Drehen beginnen kann, wird der Ton vorbereitet und sorgfältig geknetet. Dabei werden Luftblasen entfernt und der Ton bekommt eine gleichmäßige Konsistenz.
Danach geht es an die Drehscheibe – für mich einer der schönsten Momente im gesamten Herstellungsprozess.
Die Magie der Drehscheibe
Der Ton wird auf der Drehscheibe zentriert. Das klingt einfach, ist aber eine der wichtigsten und gleichzeitig schwierigsten Techniken beim Töpfern.
Sobald der Ton ruhig und mittig läuft, beginnt die eigentliche Formgebung. Mit den Händen wird der Ton geöffnet, hochgezogen und langsam in die gewünschigte Form gebracht.
In wenigen Minuten entsteht aus dem Tonklumpen die Grundform einer Tasse.
Jede Tasse wird dabei von Hand gefertigt. Deshalb gleicht keine exakt der anderen. Kleine Unterschiede in Form oder Oberfläche machen jede einzelne Keramik zu einem Unikat.
Geduld statt Geschwindigkeit
Nach dem Drehen braucht die Tasse erst einmal Zeit.
Der Ton muss langsam trocknen, damit keine Spannungen entstehen. Je nach Temperatur und Luftfeuchtigkeit kann das mehrere Tage dauern.
Ist die Tasse lederhart, wird sie weiterbearbeitet. Nun folgt das sogenannte Abdrehen. Dabei wird die Tasse noch einmal kopfüber auf die Drehscheibe gesetzt und der überschüssige Ton am Boden vorsichtig entfernt.
Erst durch das Abdrehen bekommt die Tasse oft ihre endgültigen Proportionen. Die Wandstärken werden harmonischer und die Form wirkt insgesamt stimmiger.
Anschließend bekommt sie ihren Henkel – ebenfalls von Hand gefertigt und angesetzt.
Der erste Brand
Erst wenn die Tasse vollständig durchgetrocknet ist, darf sie in den Ofen.
Beim sogenannten Schrühbrand wird sie auf mehrere hundert Grad erhitzt, bei mir auf 1050 Grad. Dabei verliert der Ton sein restliches Wasser und wird fest genug für den nächsten Arbeitsschritt.
Nach dem ersten Brand fühlt sich die Oberfläche noch rau an und ist weiterhin saugfähig.
Bevor die Glasur aufgetragen wird, schleife ich jede Tasse noch einmal von Hand. Dabei werden kleine Unebenheiten entfernt und die Oberfläche verfeinert. Besonders am Boden ist dieser Schritt wichtig, damit die Keramik später angenehm in der Hand liegt und keine rauen Stellen zurückbleiben.
Die Glasur bringt Farbe ins Spiel
Durch die Glasur erhält die Tasse ihren späteren Charakter.
Manche Glasuren verlaufen weich, andere bilden spannende Strukturen oder überraschen mit Farbnuancen, die erst im Ofen sichtbar werden.
Das Besondere daran: Selbst wenn zwei Tassen mit derselben Glasur behandelt werden, sehen sie nach dem Brand oft leicht unterschiedlich aus.
Genau diese kleinen Überraschungen machen handgemachte Keramik für mich so faszinierend.
Ich pinsle die Glasur auf die Keramik, manchmal nicht nur einmal sondern sogar dreimal.
Der Hochbrand – der entscheidende Moment
Nach dem Glasieren geht es ein zweites Mal in den Ofen.
Bei einer Temperatur von 1250 Grad verwandelt sich der Ton endgültig in robuste Keramik. Die Glasur schmilzt und verbindet sich dauerhaft mit der Oberfläche.
Dieser Moment ist jedes Mal spannend.
Denn erst nach dem Öffnen des Ofens zeigt sich das endgültige Ergebnis. Die Farben entwickeln sich oft anders als erwartet, Oberflächen verändern sich und jede Tasse erhält ihren ganz eigenen Charakter.
Aus einem Tonklumpen wird ein Begleiter für jeden Tag
Wenn ich den Ofen öffne und die fertigen Stücke herausnehme, liegt bereits ein langer Weg hinter jeder einzelnen Tasse. Ich bin jedes Mal aufgeregt, wie alles geworden und vorallem, ob alles heil geblieben ist.
Aus einem einfachen Stück Ton ist ein Gegenstand entstanden, der vielleicht bald jemandem den Morgenkaffee versüßt, bei gemütlichen Gesprächen auf dem Tisch steht oder zum persönlichen Lieblingsbecher wird.
Genau das liebe ich am Töpfern: Aus einem natürlichen Material entsteht Schritt für Schritt etwas Einzigartiges, das viele Jahre Freude bereiten kann.
Und vielleicht hältst du ja schon bald eine dieser Tassen in den Händen.